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Über
den Sinn des Leidens
Die Welt ist voller Rätsel. Woher stammt sie? Wohin geht sie?
Was ist unser Schicksal nach dem Tode? Auch unser Einzelleben wirft viele
Rätsel auf. Woher kommen die Leiden? Wozu dienen die Leiden? Die Gottlosen
und die Freidenker wissen darauf keine Antwort. Aber unser christlicher
Glaube weiß darauf eine befriedigende Antwort.
Wir wollen diesmal die beiden Fragen bedenken:
Woher kommen die Leiden?
Wozu dienen die Leiden?
Die erste Frage lautet: Woher kommen die Leiden? Darauf gibt unser
Glaube die klare, eindeutige Antwort: Die Leiden sind die Folge der Schuld,
der Urschuld, die uns als Erbschuld überkommen ist, und der persönlichen
Schuld.
Der erste Mensch wurde wegen seines Abfalls von Gott, wegen seiner
Untreue gegen Gott mit einer schweren Strafe belegt. Er, der unsterblich
sein sollte, wurde zum Tode verurteilt. „Staub bist du, und zum Staube
sollst du zurückkehren!" Und gleichzeitig wurde ihm die Last der Unsäglichkeiten
dieses Lebens auferlegt. „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du
dein Brot essen!" Die Erde wird Dornen und Disteln tragen.
Die Urschuld ist uns überkommen als Erbschuld. Was der erste
Mensch besaß, das besaß er für das ganze Menschengeschlecht.
Aber ebenso: Was er verlor, das verlor er für das ganze Menschengeschlecht.
Wir dürfen also nicht sagen: Ja, was geht mich die Schuld des Adam
an? Was kann ich dafür, dass Adam treulos war? Es besteht eine Solidarität
im Menschengschlecht, und was das Stammhaupt besitzt, das besitzt es für
das ganze folgende Geschlecht, und was das Stammhaupt verliert, das verliert
es für das ganze folgende Geschlecht. Daran ist nun einmal nichts
zu ändern; das ist offenbar die gottgewollte und wahrscheinlich auch
notwendige Solidarität, in der alles Geschaffene steht.
Gleichzeitig gebiert die Urschuld die persönliche Schuld, denn
der erste Mensch hat die übernatürlichen Gaben verloren, und
er wurde an Leib und Seele verwundet. Was er also seinen Nachkommen weitergibt,
das ist eine Verfassung, in der die Menschheit der übernatürlichen
Gaben entbehrt und in der Leib und Seele verwundet sind. Im Menschen glimmt
der Brand der Sünde, die Neigung zum Bösen, die Konkupiszenz,
die aus dem Bösen stammt und zum Bösen führt. Und so kommt
es beim Menschen zu eigenen Sünden. Es ist ein vielfacher Drang im
Menschen, der treibt ihn zu Sünden, der Machtdrang, der Besitzdrang,
der Genußdrang. Alle diese im Menschen vorfindlichen Kräfte
drängen den Menschen in die Schuld, und nur allzu oft erliegt er ihnen.
Und die Sünde, die er dann begeht, zieht notwendig Strafe nach sich.
Die Sünde trägt schon häufig in sich selbst ihre
Strafe. Aber das ist schon die Beantwortung der zweiten Frage: Wozu dient
das Leid? Man muss sagen: Das Leid dient dem Sünder zur Bestrafung.
Es ist eine Forderung der Gerechtigkeit, dass Schuld und Sünde mit
Strafe beantwortet werden. Schuld und Sünde dürfen nicht straflos
bleiben, wenn nicht die Gesetzlosigkeit triumphieren will, wenn es nicht
heißen soll: Ich habe gesündigt - na und, was ist mir geschehen?
Nämlich nichts. Das darf nicht sein. Wenn die Weltordnung, die göttliche
Weltordnung erhalten bleiben soll, dann muss ein Ausgleich zwischen Schuld
und Strafe erfolgen.
Und so ist für den Sünder die Strafe vorgesehen. Ich sagte
eben: Häufig trägt die Sünde schon die Strafe in sich selbst.
Das ist der alte Grundsatz: Womit man sündigt, damit wird man gestraft.
Das wissen wir ja alle aus eigener Erfahrung, wie die Sünden, die
wir begangen haben, uns Unheil gebracht haben, sie haben uns nicht genützt,
sie haben unser Leben nicht erhöht, sie haben unser Herz nicht erfüllt,
sondern die Sünden haben uns unglücklich gemacht. Sie haben uns
auch häufig äußeren Schaden eingetragen. Viele, viele Leiden,
viele, viele Krankheiten lassen sich unmittelbar auf die Übertretung
göttlicher Gebote zurückführen. Aber auch unabhängig
von der Strafe, die in der Sünde selbst liegt, verhängt Gott
Strafen über die Sünder, lässt er Leiden über den Sünder
kommen, Krankheiten, Schmerzen, Verfolgungen, Verluste.
Es gibt zeitliche Sündenstrafen. Wir dürfen diese Wahrheit
nicht zugunsten eines sanften, aber eben falschen Evangeliums verkürzen.
Es gibt zeitliche Sündenstrafen. Und diese zeitlichen Sündenstrafen
sind die Antwort Gottes auf unsere Sünden. Gleichzeitig sind natürlich
diese Strafen auch Heilmittel, denn Gott will ja mit diesen Strafen etwas
erreichen. Er will erreichen, dass sich der Sünder von seinem sündigen
Weg abwendet. Gott will mit den Sündenstrafen bewirken, dass der Sünder
in sich geht, so wie es im Gleichnis vom verlorenen Sohn geschildert wird.
Als der Sohn eines reichen Vaters die Schweine - also die verachteten Tiere
des Orients - hüten musste und sich gerne an den Schoten gelabt hätte,
welche die Schweine fraßen, die man ihm aber nicht gab, da ging er
in sich. Diese Strafe, dieser Verlust, diese elende Lage, in die er durch
eigene Schuld und wegen seiner Schuld gekommen war, hat eine Wandlung seines
Herzens bewirkt. Er ging in sich, bekehrte sich und
ging zum Vater zurück mit dem Schuldbekenntnis (Beichte!!!)
auf den Lippen - und im Herzen.
So will also Gott durch die Sündenstrafen erreichen, dass wir
uns von den Sünden abwenden. Und wir wissen alle, dass wir Sünder
sind und infolgedessen Strafen verdient haben.
Aber freilich bleibt noch die andere Frage: Und die Gerechten oder
jedenfalls diejenigen, die gerechter sind als andere, diejenigen, die nach
Gottes Willen leben, zu leben sich bemühen, die Gottes Wohlgefallen
erringen wollen durch Treue zu seinen Geboten - warum kommen die Strafen
über sie? Da ist doch häufig ein Mißverhältnis, so
könnte man meinen, ein Mißverhältnis zwischen den Strafen,
welche die großen Sünder treffen, und den Strafen, die über
die Gerechten verhängt werden.
Für die Leiden, welche den Gerechten treffen, gibt es mehrere
Erklärungen. Zunächst einmal, meine lieben Freunde, kann am Jünger
nicht ausbleiben, was am Meister geschehen ist. Der Jünger ist nicht
über dem Meister. Und deswegen muss an uns sich ereignen, was sich
an Christus begeben hat. Und was hat sich denn an ihm begeben? Er, der
Schuldlose, er, der Reine, der Reinste von allen, der die Sünde nicht
kannte, hat das schwerste und größte Leiden getragen. Wir müssen
in seine Fußstapfen treten, wenn wir in Gemeinschaft mit ihm kommen
wollen. Man kann nicht anders mit Christus in Gemeinschaft treten, als
dass man seinen Weg geht, und das ist eben der Weg durch Leiden und Tod
zur Auferstehung.
Der Kaiser Konstantin hat nicht umsonst eine Doppelkirche errichten
lassen über dem Kreuzigungsort Jesu und über dem Grabe Jesu -
unter einem Dach. Er hat damit symbolisch klargemacht: Karfreitag und Ostersonntag
gehören zusammen. Wer mit dem Herrn auferstehen und leben will, der
muss mit ihm leiden und sterben. Also die Solidarität mit Jesus verlangt
von uns, dass wir Leiden auf uns nehmen.
Ein zweiter Grund ist darin gelegen, dass die Leiden, die über
uns kommen, eine Bewährungsprobe für unseren Glauben sind. Sehen
Sie, meine lieben Freunde, wenn man durch Bravheit, durch Gehorsam, durch
getreue Erfüllung der Gebote Gottes sich mit Sicherheit ein angenehmes,
sorgenfreies, leidloses Leben verschaffen könnte, dann wäre die
Erde voll von Menschen, die aus Berechnung - aus Berechnung! - sich an
die Gebote Gottes halten. Das wäre aber eben eine Gebotserfüllung,
wie sie der Herr nicht wünscht. Wir sollen die Gebote Gottes erfüllen
aus Liebe zu ihm, aus Treue zu ihm, nicht aus Erwägung der Vorteile,
die wir davon haben. Wir sollen dem Herrn auf seinem Wege folgen, nicht
weil wir Nutzen davon haben, sondern weil wir seine Freunde sein wollen,
weil wir in seine Liebe eintreten wollen, weil wir uns dankbar zeigen wollen.
Der Glaube darf kein Rechenexempel sein, und deswegen muss eben auch denjenigen,
der Gott liebt und ihm folgt, nach Gottes Plan und Willen Leid und Trauer
treffen. Dann wird seine Liebe geläutert. Dann zeigt es sich, dass
er wirklich, um Gottes willen Jesus liebt, dass er ihn über alles
liebt und dass er ihn ohne Lohn liebt, ohne Sehnsucht nach Lohn, ohne Berechnung
des Lohnes.
Also: Die Bewährung des Glaubens fordert, dass auch über
den Gerechten Leiden kommen. Der Gerechte wird durch die Leiden geläutert,
er legt die Schlacken ab, die bisher seiner Liebe anhafteten, er wird von
den Schatten befreit, die an seiner Treue zu Gott haften.
Der heilige Ambrosius reiste einmal von Mailand nach Rom. Auf dem
Wege dorthin übernachtete er auf dem Landgut eines reichen Römers.
Er kam ins Gespräch mit dem Besitzer, und er machte ihm klar, dass
man auf Erden durch Leid hindurchgehen muss, um im Himmel sich freuen zu
können. Da widersprach ihm der reiche Römer heftig und sagte,
er habe in seinem ganzen Leben noch kein Leid gehabt. Als Ambrosius das
hörte, gab er seinem Diener den Auftrag: „Pack zusammen, wir reisen
weiter. Ich mag in diesem Hause nicht bleiben, denn hier ist kein Leid,
also ist hier auch nicht Gott." Das Leiden war für
den hl. Ambrosius ein Zeichen, dass Gott bei einem Menschen ist.
Er hat es also als eine Gnade Gottes angesehen, dass Gott einen seiner
Lieblinge leiden lässt. Und so haben es alle Heiligen verstanden.
Die heilige Theresia hatte den Grundsatz: Entweder leiden oder sterben!
Wenn sie nicht leiden durfte, dann wollte sie sterben. Die Heiligen haben
begriffen, was Augustinus einmal ausgesprochen hat: „Kein Kreuz haben ist
ein schweres Kreuz, und nichts ist schlimmer als das Glück der Sünder!"
Wir müssen also von der falschen Auffassung abkommen, als ob
Leidlosigkeit Gnade und Leiden Ungnade bedeuteten. Es ist gerade umgekehrt.
In Gottes Haushaltsplan ist der Leidträger ihm besonders lieb, ihm
besonders nahe.
Das Leid hat ja auch großen Wert. Wir büßen dadurch
schon auf Erden die zeitlichen Sündenstrafen ab, die andere im Fegefeuer
durchleiden müssen. Und die Heiligen, die mehr
wissen als modernistische Theologen, die Heiligen sagen uns, dass
die Leiden des Fegefeuers schlimmer sind als die Leiden auf Erden. Wer
also die ihm bestimmten zeitlichen Sündenstrafen schon auf Erden ableidet
durch Krankheit, durch Enttäuschung, durch Bitterkeit, durch Verleumdung,
durch Zurücksetzung, der sollte eigentlich dankbar sein, weil ihm
dann höchstwahrscheinlich viele, wenn nicht alle Leiden in der Ewigkeit
erspart bleiben. „Hier schneide, hier brenne, hier senge, aber schone meiner
in der Ewigkeit!" hat der heilige Augustinus gebetet. „Hier
schneide, hier brenne, hier senge, aber schone meiner in der Ewigkeit!"
Außerdem vermag man durch geduldiges Leiden sich den Himmel
zu verdienen. Es gibt ein Verdienst, und wir dürfen diese Lehre nicht
unterschlagen, weil da irgendwelche Theologen mit den Protestanten Abkommen
treffen über die angebliche Übereinstimmung in der Lehre von
der Rechtfertigung des Sünders. Es
ist ein Dogma, es ist ein katholischer Glaubenssatz, dass man sich
die heiligmachende Gnade, den Himmel und die Vermehrung der Himmelsglorie
verdienen kann. Das alles sind gewiss Geschenke Gottes, aber
sie hören dadurch nicht auf, Verdienste des Menschen zu sein. Sie
sind Gnadengeschenke Gottes und gleichzeitig Lohn für das, was der
Mensch auf Erden verdient hat. Lassen Sie sich nicht irremachen, meine
lieben Freunde, durch mißratene Äußerungen des Trierer
Bischofs, der behauptet, dass man sich den Himmel nicht verdienen könne.
Das ist Unsinn! Das ist unkatholisch! Es
ist ein katholisches Dogma, dass wir uns den Himmel, die heiligmachende
Gnade und die Vermehrung der Himmelsglorie verdienen können. Diese
Verdienste werden in der Kraft der Gnade erworben, aber sie werden erworben.
Das ist eben auch der Sinn der Leiden. Wer die Leiden trägt, dem nützen
sie, dem nützen sie auch für die Ewigkeit.
Ein katholischer Priester hat einmal ein kleines Mädchen gefragt:
„Kommen die Reichen in den Himmel?" „Ja," sagte das Mädchen, „wenn
sie den Armen Gutes tun!" Der Priester fragte weiter: „Kommen die Armen
in den Himmel?" „Ja, wenn sie ihr Kreuz geduldig tragen." Was muss das
ein wunderbares Kind gewesen sein, das solche hochtheologischen Antworten
geben konnte!
Ja, so ist es, meine lieben Freunde: Wer das Leid auf Erden in Gottes
Absicht und nach Gottes Willen trägt, der erwirbt sich dadurch die
Himmelskrone. „Durch viele Trübsale
müssen wir in das Reich Gottes eingehen," hat Paulus
nach dem 14. Kapitel der Apostelgeschichte in Kleinasien verkündet.
Und an einer anderen Stelle in seinen Briefen schreibt er: „Jenen,
die Gott lieben, gereicht alles zum Besten!" Also auch das
Leiden, also auch das Kreuz auf Erden.
(Quelle: "Erneuerung
in Christus", Heft Nr. 7/8-2016, S. 10-12, Gaming)
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