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Solange wir in der Welt leben, können wir nicht ohne Drangsal
und Versuchung sein. Daher steht im Buch Job (7,11)
geschrieben: „Versuchung ist das Leben des Menschen
auf Erden."
Darum sollte ein jeder bei Versuchungen auf der Hut sein und im
Gebete wachen, damit der Teufel, der nie schläft, sondern „umhergeht
und sucht, wen er verschlinge", keine Gelegenheit findet, ihn zu hintergehen.
Niemand ist so vollkommen und heilig, dass er nicht mitunter versucht
würde, und niemand bleibt ganz frei von Versuchungen.
Jedoch sind die Versuchungen den Menschen oft sehr nützlich,
wenn sie auch lästig und beschwerlich sind, denn man wird durch sie
gedemütigt, geläutert und belehrt. Alle Heiligen haben viele
Drangsale und Versuchungen durchgestanden und sich dadurch vervollkommnet.
Wer sie aber nicht aushalten mochte, ist verworfen worden und abgefallen.
Kein Stand ist so heilig und kein Ort so entlegen, dass es dort
keine Versuchungen oder Widerwärtigkeiten gäbe.
Solange der Mensch lebt, ist er nie ganz sicher vor Versuchungen;
denn in uns selbst liegt der Keim der Versuchung, seit wir mit der Begierlichkeit
geboren sind. Wenn die eine Versuchung oder Drangsal weicht, kommt schon
die andere nach, und wir werden immer etwas zu erleiden haben; denn wir
haben das Paradies verloren. Viele suchen den Versuchungen zu entfliehen
und geraten umso schlimmer hinein. Durch die Flucht allein können
wir nicht siegen; aber durch Geduld und wahre Demut werden wir stärker
als alle Feinde.
Wer nur von außen den Versuchungen aus dem Wege geht und nicht
die Wurzel ausreißt, der wird wenig ausrichten. Ja, die Versuchungen
werden umso eher wiederkommen, und er wird sie noch ärger fühlen.
Allmählich, in Geduld und Langmut wirst du unter Gottes Beistand besser
bestehen als durch Härte und eigenes Ungestüm. Nimm in der Versuchung
oft Rat an und gehe mit einem, der versucht wird, nicht hart um, sondern
rede ihm gut zu, so wie du es für dich wünschen würdest.
Die Wurzel aller bösen Versuchungen ist die Unbeständigkeit des
Herzens und das geringe Vertrauen auf Gott.
Wie ein Schiff ohne Steuer von den Wellen hin und her getrieben
wird, so wird ein lässiger und seinen guten Vorsätzen ungetreuer
Mensch mannigfaltig versucht. Feuer erprobt das Eisen und Versuchung den
Gerechten.
Wir wissen oft nicht, was wir können, aber die Versuchung offenbart,
was wir sind. Man muss besonders beim Beginn der Versuchung wachen; der
Feind wird leichter überwunden, wenn man ihn durch die Tür des
Herzens gar nicht erst einlässt, sondern ihm gleich auf der Schwelle
entgegentritt.
Jemand hat gesagt: „Widersteh im Anfang, sonst wird die Arznei zu
spät bereitet." Denn zuerst kommt dem Geiste ein simpler Gedanke,
dann folgt eine lebhafte Vorstellung, darauf die Lust, die böse Begierde
und schließlich die Einwilligung. So dringt der böse Feind nach
und nach ganz ein, wenn man ihm nicht gleich zu Anfang widersteht.
Je länger einer ihm zu widerstehen zögert, umso schwächer
wird er täglich in sich und umso mächtiger der Feind. Einige
erleiden im Anfange ihrer Umkehr schwere Versuchungen, andere aber am Ende.
Einige haben ihr ganzes Leben hindurch zu leiden, während einige nur
ganz leicht versucht werden, nach der weisen und gerechten Fügung
Gottes, der die Lage und Verdienste der Menschen abwägt und alles
zum Heile seiner Auserwählten vorherbestimmt.
Daher sollen wir nicht verzagen, wenn wir versucht werden, sondern
umso inniger Gott bitten, dass er uns in jeder Drangsal gnädig beistehe;
er wird ja gewiss nach dem Wort des heiligen Paulus der Versuchung solchen
Ausgang geben, dass wir ausharren können. Demütigen wir uns also
bei jeder Versuchung und Drangsal unter die Hand Gottes, weil er die von
Herzen Demütigen erretten und erhöhen wird. In Versuchungen und
Trübsalen wird der Mensch geprüft, wie weit er fortgeschritten
ist; hier zeigt sich das größte Verdienst und wird die Tugend
besser offenbar. Auch ist es nichts Großes, wenn man fromm und eifrig
ist, solange uns nichts bedrückt; aber wenn man zur Zeit der Not geduldig
ausharrt, so lässt das auf großen inneren Fortschritt hoffen.
Manche werden vor großen Versuchungen bewahrt und in kleinen,
täglichen oft überwunden, damit sie, hierdurch gedemütigt,
niemals in großen Versuchungen auf sich selbst vertrauen, da sie
in so geringen sich schwach zeigen.
(Quelle: "Dienst am Glauben",
Heft 4, Okt - Dez 2014, S. 101f., Innsbruck)