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DIE GOTTESERSCHEINUNG IX DER BIBEL
Die »Theophanie« (griechisch theosphäinein) ist die sichtbare Erscheinung Gottes. Man unterscheidet zwischen „direkter" und „indirekter" Theophanie. Die „direkten" Theophanien sind wahrhaftige Erscheinungen der Gottheit, bei den „indirekten" dagegen erscheinen Engel oder es treten ungewöhnliche Phänomene auf (Wolken, Stimmen aus dem Himmel, Feuersäulen). In der Bibel gibt es verschiedene Szenen mit Gotteserscheinungen, die oft von kosmischen Symbolen begleitet werden. Zwei Beispiele aus dem AT: Mose beim brennenden Dornbusch (Ex 3,2-6) und die Vision von Jesaja im Tempel Jerusalems (Jes 6,1-13). Im NT steht bei den Gotteserscheinungen mehr die Botschaft im Vordergrund und weniger die beschreibenden Elemente (vgl. die Erzählungen von der Verkündigung Mariens: Lk 1,5-38; Mt 1,18-25). Die wichtigsten Theophanien der Evangelien sind Jesu Geburt (»Epiphanie«) und die österlichen Erscheinungen. Seine Mission wird von der trinitarischen Episode der Taufe und der Transfiguration unterstrichen, während die kirchliche Mission vom Pfingstereignis eingeleitet wird (vgl. Apg 2,1-11).
EIN VITALES ERLEBNIS
Die Episode von der Verklärung Christi steht in den drei synoptischen Evangelien (vgl. Mt 17,1-8; Mk 9,2-8; Lk 9,28-36). Analog zu den Gotteserscheinungen im Alten Testament wird der Herr auf einem Berg vor drei Zeugen verklärt Es handelt sich um ein lebenswichtiges Ereignis, das die Jünger ganz intensiv erlebt haben und im Verlauf ihrer Mission weitergaben. Bei Lukas kann man ein zweifaches theologisches Motiv erkennen: die Bedeutung der Berufung und der Nachfolge Christi und die Ankündigung der Erfüllung seiner Mission an Ostern (vgl. Lk 9,44-45). Die Episode beantwortet auch die Fragen nach der Identität Jesu (vgl. Lk 9,7-9.18-22) und offenbart, dass seine Mission mit dem „Exodus", der Aufnahme in den Himmel, die sich in Jerusalem erfüllt, enden wird (vgl. Lk 9,51). Mehr als die bloße Beschreibung eines Vorfalls bildet diese Erzählung die zweite Etappe der Offenbarung Christi, nach jener bei der Taufe im Jordan (vgl. Lk 3,21 -22).
AUF EINEM HOHEN BERG IM GEBET
Sechs Tage nach der Szene bei Cäsarea Philippi (vgl. Mk 8,27-30),
»nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte
sie
auf einen hohen Berg« (vgl. Mk 9,2). Traditionsgemäß
handelt es sich dabei um den Tabor. Das Besteigen des Berges erinnert an
den Auszug der Israeliten aus Ägypten und den Berg Sinai, wo Mose
von Jahwe die Gesetzestafeln erhielt (vgl. Ex 19-24). Symbolisch steht
der Berg für den Aufstieg des Gläubigen und die Begegnung mit
dem Geheimnis Gottes. In diesem Fall ist es der Herr, der die Initiative
ergreift Nur die drei Apostel,
die als erste dem Nazarener in Galiläa nachfolgten (vgl. Mk
1,16-20) sind gerufen, ein noch nie dagewesenes Ereignis zu erleben: sie
sehen das verklärte Antlitz Christi, nachdem sie im Haus des Jairus
seine Heilkraft am Werk gesehen hatten (vgl. Lk 8,51 ff). Lukas betont
den Zweck des Aufstiegs, das Gebet, das er wie bei der Taufe (Lk 3,21)
auch auf dem Tabor mit einer Offenbarung des Himmels verbindet.
SEIN GESICHT... SEINE KLEIDER...
Die Transfiguration geht wie bereits die Christophanie bei der Taufe aus der inneren Beziehung zwischen Vater und Sohn hervor. Während die anderen Evangelisten das Verb im Passiv verwenden (er wurde.... verwandelt vgl. Mt 17,2; Mk 9,2) beschreibt Lukas den mystischen Vorgang in aktiver Form: »Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß« (Lk 9,29). Lukas spielt dabei auf Mose auf dem Sinai an, vor dessen Augen sich die Herrlichkeit des Herrn zeigte. Der Glanz des himmlischen Lichts weist auf Jesus hin als den, der aufersteht und in den Bereich der Transzendenz und der göttlichen Herrlichkeit versetzt wird. In diesem Sinn müssen auch das blendend weiße Gewand und das von seinem Gesicht ausstrahlende Licht der Herrlichkeit interpretiert werden. Der Glanz des Gesichts und der Kleider sprechen von seiner Teilhabe am Leben Gottes, unterstreichen seine göttliche Natur und kündigen seine zukünftige Auferstehung an. Die drei Apostel, die all dies sehen und hören, sind verwirrt und erschüttert angesichts der Herrlichkeit Gottes, die in der Menschheit des Sohnes offenbar wird.
MOSE UND ELIJA
In der Vision erscheinen Mose und Elija im Gespräch mit dem verklärten Jesus. Mose ist der Befreier des hebräischen Volkes und der Überbringer der Gebote. Elija ist der Prophet der die Religion Jahwes gegen das Heidentum verteidigt hat Beide Personen erleben Ablehnung und Verfolgung, genau wie Jesus, der im Mittelpunkt der Szene steht Ebenso wurden beide der Überlieferung zufolge in den Himmel aufgenommen, so wie es bei der Himmelfahrt Christi geschehen wird. Ein weiterer Aspekt ist die mystische Erfahrung, die beide Personen auf dem Berg (Sinai, Horeb) erleben, die »Herrlichkeit Gottes« betreffend. Die mystische Erfahrung des Propheten Elija geschieht in einer Zeit, als er vor den Verfolgungen von Königin Isebel flieht und in einer Höhle des Berges Horeb Zuflucht sucht Dort erlebt er die Gegenwart Gottes (vgl. I Kön 19, 11-16). Dadurch dass Jesus zwischen Mose und Elija steht wird die Identität des Messias als Zentrum der ganzen Schrift ausgehend vom Gesetz und allen Propheten, bezeugt (vgl. Lk 16,16; 24,27.44;Apg 26,22).
DER EXODUS, DER SICH IN JERUSALEM ERFÜLLEN SOLLTE
Lukas deutet in seiner Erzählung ein Gespräch zwischen Jesus, Mose und Elija an; sie sprachen »von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte« (Lk 9, 30-31). So entsteht eine Beziehung zwischen Jesu Mission und dem Exodus, der für das Volk Israel Befreiung, aber auch Tod bedeutete (vgl. Weish 3,2; 7,6; 2Petr 1,15). Die Mission musste sich in Jerusalem, der heiligen Stadt, erfüllen, dem Ort, wo sich der Plan Gottes und die Heilsgeschichte verwirklichen. Die Szene der Transfiguration enthält eine Art Programm im Hinblick auf den Heilszweck der Mission Christi. Sie weist auf den Beginn der letzten Phase des „messianischen Weges" nach Jerusalem hin (vgl. Lk 9,51) und dass dieser Weg Teil eines göttlichen Plans ist, der bereits in den Schriften Israels angekündigt wird (vgl. Lk 24,27).
»DAS IST MEIN AUSERWÄHLTER SOHN, AUF IHN SOLLT IHR HÖREN!«
Der Evangelist beschreibt die Reaktion der drei Jünger, die
der Szene beiwohnen, aber den Inhalt des Dialogs, den messianischen Exodus,
der sich in Jerusalem erfüllen sollte, nicht verstehen. Sie sind müde
und schläfrig. Eine Wolke verdunkelt plötzlich die ruhmreiche
Szene, die Jünger bekommen Angst (vgl. Lk 9,34) und beweisen damit
die menschliche Schwäche angesichts des göttlichen Geheimnisses,
das sich der Welt offenbart Der Vision des strahlenden Anditzes folgt die
Stimme, die aus der Wolke zu ihnen spricht »Das
ist mein auserwähker Sohn, auf ihn sollt ihr hören« (Lk
9,35). Diese Aussage verbindet sich mit der Offenbarung bei
der Taufe Jesu (vgl. Lk 3,22), mit dem Unterschied, dass sich die Stimme
dort direkt an den Sohn wendet (»Du bist mein geliebter Sohn, an
dir habe ich Gefallen gefunden«), während bei der Szene auf
dem Tabor die Jünger angesprochen und aufgefordert werden, auf den
auserwählten Sohn zu hören. Nicht mehr auf Mose oder die Propheten
sollen die Jünger hören, sondern auf den Sohn Gottes, dessen
Autorität jede andere menschliche Gestalt übersteigt und die
eschatologische Vollendung bereits am Horizont sichtbar werden lässt.
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Quelle: "Die Stimme Padre
Pios" Nr. 3, Mai-Juni 2017, S. 14-17, San Giovanni Rotondo)
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