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Josef Kreiml, Regensburg / St. Pölten
Die Stellung der Gottesmutter
im Geheimnis Christi und der Kirche
Maria gehört eng zum Heilsgeheimnis Christi und ist daher in
besonderer Weise auch im Geheimnis der Kirche gegenwärtig.1 Jesus
Christus, gleichen
Wesens mit dem Vater, wird als Mensch von einer Frau geboren, „als
die Zeit erfüllt war" (vgl. Gal 4,4). Dieses Geschehen führt
gleichsam zum Schlüsselereignis der als Heilsgeschichte verstandenen
Geschichte des Menschen auf Erden. Die Erklärung des Zweiten Vatikanums
über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen
„Nostra aetate" (Nr. 1) fragt: „Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis
unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?" Vor dem Hintergrund
des weiten Panoramas der Suche des Menschen nach Gott macht die „Fülle
der Zeit", von der Paulus spricht, die Antwort Gottes selbst offenkundig
(vgl. Apg 17,27). Die Sendung des Sohnes Gottes stellt den endgültigen
Höhepunkt der Selbstoffenbarung Gottes an die Menschheit dar.2 Maria
befindet sich „am Herzen dieses Heilsereignisses".3 Die Selbstoffenbarung
Gottes, der unerforschlichen Einheit in Dreifaltigkeit, ist in ihren wesentlichen
Zügen in der Verkündigung in Nazareth enthalten. Durch die Fleischwerdung
des Wortes (vgl. Joh 1,14) erlangt Maria eine solche Verbundenheit mit
Gott, „dass sämtliche Erwartungen des menschlichen Geistes übertroffen
werden".4 Dieses Ereignis übertrifft sogar die Erwartungen ganz Israels
und insbesondere der Töchter dieses auserwählten Volkes, die
aufgrund der Verheißung „hoffen konnten, eine von ihnen würde
eines Tages Mutter des Messias werden".5 Wer von ihnen konnte ahnen, dass
der verheißene Messias der „Sohn des Höchsten" sein würde?
Vom alttestamentlichen Monotheismus her gesehen, war diese Möglichkeit
kaum vorstellbar.
So macht die „Fülle der Zeit", die mit dem Leben Marias aufs
engste verbunden ist, die außerordentliche Würde der „Frau"
offenbar. Diese Würde besteht einerseits in der übernatürlichen
Erhebung zur Verbundenheit mit Gott in Jesus Christus, „die das tiefste
Ziel der Existenz jedes Menschen sowohl auf Erden wie in der Ewigkeit ausmacht".6
In diesem Sinn ist Maria „Vertreterin und Urbild der ganzen Menschheit"7:
Sie vertritt das Menschsein, das zu allen Menschenwesen, Männern wie
Frauen, gehört. Andererseits jedoch stellt das Ereignis von Nazareth
eine Form der Verbundenheit mit dem lebendigen Gott dar, die nur der „Frau"
- Maria - zukommen kann: die Verbundenheit zwischen Mutter und Sohn. Die
Jungfrau aus Nazareth wird tatsächlich die „Mutter Gottes". Der Name
theotokos („Gottesgebärerin", Gottesmutter) wurde zum „eigentlichen
Namen" für die der Jungfrau Maria gewährte Verbundenheit mit
Gott.
Die besondere Verbundenheit der Gottesmutter mit Gott, welche die
jedem Menschen geschenkte übernatürliche Bestimmung zur Verbundenheit
mit dem Vater in überragendster Weise verwirklicht, ist reine Gnade
und als solche ein Geschenk des Geistes. Gleichzeitig jedoch bringt Maria
„durch ihre im Glauben gesprochene Antwort ihren freien Willen zum Ausdruck
und damit die volle Teilnahme ihres personalen, fraulichen ,Ich' am Ereignis
der Menschwerdung".8 Mit ihrem Jawort wird Maria zum wahren Subjekt jener
Verbundenheit mit Gott, die sich im Geheimnis der Menschwerdung des mit
dem Vater wesensgleichen Wortes verwirklicht hat. Der in der Geschichte
der Menschen handelnde Gott achtet immer den freien Willen des menschlichen
Ich.
Die Gnadenfülle, die der Jungfrau aus Nazareth im Hinblick
darauf, dass sie theotokos werden sollte, gewährt worden ist, bedeutet
zugleich die Fülle der Vollkommenheit all dessen, was kennzeichnend
ist für die Frau, was „das typisch Frauliche" ist. Wir befinden uns
hier „am Höhepunkt und beim Urbild der personalen Würde der Frau".9
Im Ausdruck „Magd des Herrn" wird deutlich, dass sich Maria voll bewusst
ist, vor Gott ein Geschöpf zu sein. Doch das Wort „Magd" vom Ende
des Verkündigungsdialogs wird später in die Gesamtperspektive
der Geschichte der Mutter und des Sohnes einbezogen. Jesus Christus wird
oft von sich sagen: „... der Menschensohn ist nicht
gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen" (Mk 10,45).
Christus trägt immer das Bewusstsein in sich, der „Gottesknecht"
nach der Prophezeiung des Jesaja zu sein (vgl. Jes 42,1; 49,3.6; 52,13);
hierin ist der Inhalt seiner messianischen Sendung im Wesentlichen schon
enthalten: das Bewusstsein, der Erlöser der Welt zu sein. Maria fügt
sich vom ersten Augenblick ihrer Gottesmutterschaft, ihrer Verbundenheit
mit dem Sohn, in den messianischen Dienst Christi ein. Die hier deutlich
gewordene Wirklichkeit „Frau - Gottesmutter" bestimmt den wesentlichen
Horizont der Betrachtung Johannes Pauls II. über die Würde und
Berufung der Frau. „Wenn etwas zur Würde und Berufung der Frau gedacht,
gesagt oder getan werden soll, dürfen sich Geist, Herz und Handeln
nicht von diesem Horizont abwenden. Die Würde jedes Menschen und die
ihr entsprechende Berufung finden ihr entscheidendes Maß in der Verbundenheit
mit Gott. Maria ... ist der vollkommenste Ausdruck dieser Würde und
dieser Berufung."10
(Quelle: Josef Kreiml
in: "Bote von Fatima" Nr. 6, Jgg. 73, Juni 2015, S. 3f, Regensburg)