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Franz von Sales - Weg zu GOTT
Otto Karrer
Gebet
Ich finde eine unvergleichliche Freude darin, an die große
Ehre zu denken, die ein Mensch hat, allein mit seinem Gott zu sein und
allein mit ihm zu sprechen, dem Unermesslichen, dem Unendlichen. In der
Tat, was das Herz zu Gott redet, weiß niemand als Gott selbst. Ist
das nicht ein unaussprechliches Geheimnis? Daran denken wohl die Lehrer
des religiösen Lebens, wenn sie sagen, um recht beten zu können,
sei es gut, sich vorzustellen, es sei nichts wirklich in der Welt als Gott
allein.
Das
Gebet ist der Tau des Segens, durch dessen erquickende Frische das heilige
Verlangen in uns zum Grünen und zum Blühen kommt, die Seele reingewaschen
wird von ihren Makeln und die Glut der Leidenschaften abgekühlt und
ausgelöscht im Herzen.
Manche meinen irrtümlich, es bedürfte allerhand Kunstgriffe,
um gut zu beten, und befleißen sich einer bestimmten Methode, deren
Besitz ihnen richtig scheint. Sie hören nicht auf, ihr Gebet auszuspähen
und auszuklügeln, um zu sehen, wie sie es verrichten oder wie sie
eben jene Art am besten fertigbrächten. Sie glauben sonst, das Gebet
nicht gut verrichtet zu haben. Derlei Leute sind wie jene, die am Ziele
ihrer Wanderung angelangt wieder umkehren, weil sie nicht den Weg eingeschlagen
hatten, den man ihnen bezeichnet hatte.
Darum meine ich, zur Zeit des Gebets sollst du nicht darauf achten,
ob du eine bestimmte Regel einhältst oder nicht. Das beste Gebet ist
dasjenige, das den Beter so in Gott vertieft, dass er weder an sich selber
denkt noch an das, was er tut. Einfalt ist das Beste im religiösen
Leben. Wer recht innig betet, denkt nicht an das Gebet, das er verrichtet,
sondern an Gott, zu dem er betet. Wer von heiliger Liebesglut entflammt
ist, beobachtet nicht seine Liebe, sondern ist allein mit Gott beschäftigt,
den er liebt.
Vor allem rate ich dir das sogenannte innerliche
Gebet an und, was den Gegenstand betrifft, vor
allem das Leben und Leiden unseres Herrn Jesus Christus.
Wenn du ihn oftmals durch die Betrachtung anschaust, so wird dein ganzes
Inneres von ihm erfüllt werden; du wirst sein Verhalten kennenlernen
und das deine mehr nach diesem Vorbild einrichten. Nicht umsonst nennt
er sich „das Brot, das vom Himmel gekommen ist" für das Leben unserer
Seele.
„Jesus"
ist das große Wort unseres Heils. O, könnten wir
diesen heiligen Namen aussprechen aus ganzem Herzen - ich meine: durch
die einzige göttliche Liebe „Jesus" zum wahren Ausdruck unseres Lebens
machen, in dem er als der tiefste Eindruck ruht in unserer Seele Grund!
Erwägungen über die letzten Dinge des Menschen werden
nützlich sein, wenn sie immer mit Vertrauen auf die göttliche
Güte schließen. Deshalb soll man sich nie einseitig mit den
Gedanken an Tod oder Hölle befassen, sondern das Kreuz des Erlösers
danebenhalten, damit wir, wenn uns Furcht befallen möchte vor dem
einen, auf das andere unsere gläubige Hoffnung setzen.
Man unterscheidet besonders Betrachtung und Beschauung. Das Verlangen
nach der göttlichen Liebe führt zur Betrachtung, die Betrachtung
zur Beschauung. Die Betrachtung schaut die Gegenstände, die geeignet
sind, uns zu rühren, einzeln aufs Genaueste an und gleichsam Stück
für Stück. Die Beschauung aber richtet auf den Gegenstand, den
sie liebt, einen einfachen gesammelten Blick; sie ist nichts anderes als
eine liebevolle, einfache und anhaltende Aufmerksamkeit des Geistes auf
göttliche Dinge, und als Gesamtanschauung macht sie einen lebendigeren
und stärkeren Eindruck als die zergliedernde Methode des Betrachtens.
Die Beschauung hat immer den Vorzug, dass sie mit Lust geübt
wird, umso mehr als sie voraussetzt, dass man Gott und seine heilige Liebe
gefunden hat und sie genießt nach jedem Wort: „Ich habe den gefunden,
den meine Seele liebt; ich habe ihn gefunden, ich will ihn nimmer lassen."
Hierin unterscheidet sie sich von der Betrachtung, die im Allgemeinen Mühe
und Anstrengung des Denkens erfordert, da unser Geist von Erwägung
zu Erwägung schreitet und den Geliebten ihrer Liebe - oder die Liebe
ihres Geliebten - bald da, bald dort zu finden sucht.
Glückselig jene, die zuerst als Betrachtende die Beweggründe,
Gott zu loben, reiflich erwogen haben, und dann alle ihre Blicke in ein
einziges Schauen und alle ihre Gedanken in einen einzigen Schluss zusammenzufassen
und nach dem Beispiel eines heiligen Augustin und Bruno in unaufhörlicher
Bewunderung aus den Tiefen ihrer liebeswunden Seele zu rufen: „O
Güte, o Güte, o alte und immer neue Güte", oder wie
der heilige Franz von Assisi die ganze Nacht auf seinen Knien diese Worte
wiederholte: „O Gott, mein Gott und mein Alles!"
Verlangt es dich nach ähnlicher Liebe im Gebet, so bete stets
in andächtiger Sammlung vor Gott und verharre bei den Empfindungen,
die dir kommen, ohne dich zu beeilen. Bemühe dich, was du sagst, mit
aller Herzlichkeit zu sagen. Ein einziges andächtig gebetetes Vaterunser
ist besser als viele, die man hastig und gedankenlos herunterleiert.
Fühlt sich dein Herz schon gefesselt von der einfachen Gegenwart
des Geliebten, so brauchst du nicht weiter zu gehen, sondern verweile nur
in dieser Gegenwart. Strenge dich nicht an, deiner Liebe Ausdruck zu verleihen.
Derjenige sagt Gott genug, der ihn anblickt und sich
von ihm anblicken lässt.
Wenn die Seele auf solche Weise gesammelt ist in Gott, kann es vorkommen,
dass sie in einer so süßen Anschauung der Güte ihres Geliebten
weilet, dass ihr scheint, ihre Aufmerksamkeit sei beinahe keine Aufmerksamkeit:
so einfach und zart ist sie. Es ist wie bei gewissen Flüssen, die
so sanft und ruhig dahinfließen, dass der Zuschauer am Ufer oder
auch der Schiffer auf den Wellen selbst keine Bewegung wahrnimmt; so ruhig
fließt der Strom dahin. Das nennt die heilige Theresia das „Gebet
der Ruhe". Wenn du in solchem einfachen und reinen Vertrauen eines Kindes
bei Gott weilest, so bleibe nur und mache nicht den leisesten Versuch,
besondere Akte des Verstandes oder Willens zu erwecken. Denn diese einfache,
vertrauensvolle Liebe, dieses liebeschmachtende Entschlummern in den Armen
des Heilands begreift schon alles in sich, was du dort suchest. Es ist
besser, an dieser heiligen Brust zu ruhen, als anderwärts zu wachen.
Du fragst mich, teure Seele, wie es möglich sei, den Geist
derart in Gott zu festigen, dass ihn nichts von ihm zu trennen vermöge.
Antwort: Dazu muss man gestorben und erlöst sein, dann erst kann es
keine Scheidung mehr geben.
Oder meintest du Zerstreuung, da du von „Trennung" redetest? Aber
die Zerstreuung trennt dich nicht von Gott, das kann nur die Sünde.
Man muss nämlich unterscheiden zwischen Gott und dem Gefühl
von Gottes Nähe, zwischen Glauben und Empfindung des Glaubens. Manche
meinen, wenn sie Gottes Gegenwart nicht mehr empfinden, wandelten sie auch
nicht mehr in seiner Gegenwart. Das ist unvernünftig. Wenn jemand
den Martertod für Gott erleidet, denkt er vielleicht in seinen Schmerzen
keinen Augenblick an Gott, und doch ist es die höchste Liebe.
Es ist eine Eigentümlichkeit der Liebe, dass sie den Freund
und alles, was an ihm ist, liebenswürdig macht. Die Liebe verbreitet
ihren Duft und ihre Anmut über alles Tun des Geliebten, wenn es auch
im Einzelnen nichts Großes ist. Alles Gute, was ein Gotteskind vollbringt,
ist Gott geweiht. Wer den Baum schenkt, schenkt er nicht auch die Blätter,
Blüten und Früchte? „Der Gerechte wird
blühen wie die Palme, wird wachsen wie des Libanons Zeder. Im Haus
des Herrn gepflanzt, wird er blühen in den Vorhöfen Gottes"
- Blätter, Blüten, Früchte werden wachsen und der Ehre Gottes
geweiht sein.
Haben wir auch nicht die ausdrückliche, ausgesprochene Absicht,
jedes Werk für Gott zu tun, so ist dennoch diese Absicht in der tatsächlichen
Einigung und Liebesgemeinschaft enthalten, die uns mit Gott verbindet.
Dadurch schon ist alles, was wir tun, und unsere ganze Person der göttlichen
Güte geweiht. Es ist nicht gerade nötig, dass ein Kind, das im
Hause seines Vaters wohnt und unter seiner Obhut steht, die Erklärung
abgebe, alles, was es erwerbe, gehöre seinem Vater. Da seine Person
ihm angehört, so auch ohne Weiteres, was davon abhängt. Es genügt
schon, dass wir aus Liebe Kinder Gottes seien, um alles, was wir tun, zu
seiner Ehre zu tun.
Bleibe also nur fest in deiner Willensrichtung,
in liebender Einfalt dich dadurch stets in Gottes Gegenwart zu halten,
dass du vollkommen seinem heiligsten Willen hingegeben bist!
Wenn du zu Ihm redest, so schaue nur auf Ihn, statt auf die Art,
wie du zu Ihm redest! Wenn wir durch beständiges Beobachten unseres
Tuns etwa uns selbst durchschauen wollten - wir würden sicherlich
in ein Labyrinth geraten, wo wir jeden Ausgang verlören. Und unerträglich
wäre die Anstrengung zu denken, dass wir denken - zu betrachten, dass
wir betrachten - geistig zu schauen, dass wir Geistiges schauen - zu unterscheiden,
dass wir unterscheiden - und uns zu erinnern, dass wir uns erinnern. Wir
kämen an kein Ende.
Denke fortan nur an dein Fortschreiten im Guten und deine früheren
Sünden und Fehler - denke nur, um dich vor Gott
zu demütigen und seine Barmherzigkeit zu preisen, mit der er dich
in Gnaden aufgenommen hat.
Dein Übel kommt daher, dass du mehr das Böse fürchtest,
als das Gute liebst. Strebe nach demütiger und milder Liebe, unternimm
freudig deine Arbeit und vergiss nicht, dein Herz von Zeit zu Zeit zu Gott
und deine Gedanken zur Ewigkeit zu erheben.
So wird das menschliche Herz, durch die himmlische Liebe von der
Welt in Gott versetzt, im Gebet sich stetig dehnen und in Gott sich weiten,
immer inniger eins mit seiner Güte.
Allzu sehr in zeitliches und irdisches Geschäft vertieft, wird
es nur spärliche und späte Blüten treiben. Ist es aber in
der Welt nur so viel, als der Beruf es erheischt, so wirst du's bald in
der Liebe blühen und lieblichen Duft verbreiten sehen.
Vergessen wir also nicht, uns ab und zu in die innere Einsamkeit
zurückzuziehen, während wir äußerlich unter Menschen
und bei den Geschäften sind. Wie die Vögel ihre Nester auf den
Bäumen haben, um sich so oft wie nötig dahin zurückzuziehen,
wie die Hirsche im Waldesdickicht ihre Schlupfwinkel haben, wo sie Schutz
suchen und sich vor der Sommerhitze verbergen, so
soll auch unser Herz jeden Tag eine Zufluchtsstätte haben, sei es
am Kreuze oder in den Wunden Jesu oder sonst in Gottes Nähe, um sich
dahin zurückzuziehen und wie im kühlen Waldesschatten
auszuruhen oder wie in einer festen Burg Schutz zu finden.
Oft kommt es vor, dass man bei der Arbeit ebenso mit Gott vereinigt
ist wie in der Betrachtung. Da kann ich nur immer wiederholen: Wo mehr
Liebe ist, da ist das Beste.
O, wie glücklich ist die Seele, die in Ruhe ihres Herzens
das heilige Gefühl der Gegenwart Gottes liebend bewahrt! Ihre Einigung
mit Gottes Güte nimmt stets zu, wenn auch ihr unbemerkt, und durchdringt
ihr ganzes Wesen mit der heiligen Liebe.
(Quelle: "Dienst am Glauben",
Heft 4-2017, S. 99-102, A-6094 Axams)