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Das Hochfest „Maria Verkündigung" oder „Verkündigung des Herrn" ist eines der ältesten Muttergottesfeste. Seine besondere Bedeutung besteht darin, daß mit diesem Ereignis der Anfang des Lebens Jesu Christi im Schoß seiner Mutter gesetzt wurde und damit auch der Anfang unserer Erlösung. Das Evangelium aber lenkt unsere Aufmerksamkeit auch auf das äußere Geschehen, in dem sich das Geheimnis ankündigte: auf die Erscheinung des Engels, auf das Gespräch Marias mit dem Engel und auf das Jawort der „Magd des Herrn". Es ist nicht zu übersehen, daß der Evangelist Lukas großen Wert auf die Darstellung dieser Szene legt. Er will uns klar machen, daß das Jawort von Seiten Marias wichtig und notwendig war, um die Menschwerdung Christi zu ermöglichen und die Erlösung der Menschheit in Gang zu bringen. Ohne das Jawort Mariens hätte unsere Erlösung nicht geschehen können; denn Maria stand hier an Stelle der ganzen erlösungsbedürftigen Menschheit. Darum ist Maria Mithelferin unserer Erlösung geworden.
Maria - Sitz
der Weisheit
Wenn wir
die einzigartige Bedeutung dieses Jawortes der Gottesmutter bedenken, können
wir auch verstehen, welche große geistige Leistung in dieser Tat
des Glaubens und des Gehorsams Marias gelegen war. Maria mußte in
diesem kurzen Gespräch mit dem Engel eine Entscheidung fällen,
die das Schicksal des Menschengeschlechtes für Zeit und Ewigkeit bestimmte.
Zu einer solchen treffenden Entscheidung bedurfte es vieler Überlegung,
tiefer Erkenntnis des göttlichen Wortes und innerlichen Verständnisses
für den Plan Gottes. Das alles mußte sich in wenigen Augenblicken
in der Seele Marias zusammenfinden, damit sie auf das ungewöhnliche
Angebot die richtige Antwort geben und das scheinbar so einfache Jawort
sprechen konnte. Dazu war auf Seiten Marias eine besondere Wachheit des
Geistes notwendig, ein erleuchteter Verstand, ein tiefreichendes Wissen,
ja sogar das, was wir als das reichste, gründlichste Wissen bezeichnen:
die Weisheit.
Darum ist
es berechtigt, wenn wir an diesem Festtag einmal über Marias Weisheit
nachsinnen, über jenen Vorzug, der ihr zuerkannt ist, wenn sie als
„Mutter der Weisheit" oder als „Sitz der Weisheit" benannt wird.
Dazu bedarf
es freilich eines gewissen Verständnisses der geistigen Tugend der
Weisheit, deren Kenntnis der modernen Welt beinahe entschwunden ist. Heute
strebt man mehr nach Wissen als nach Weisheit, weil Wissen Macht bedeutet,
die man zur Beherrschung der Welt und zur Steigerung der Lebenslust braucht.
Für uns Christen sollte es aber nicht so schwer sein, die Tugend der
Weisheit zu verstehen, weil sie als Wirklichkeit und als Gestalt bereits
im Alten Testament tief verankert ist.
Es gibt
im Alten Testament einen ganzen Block zusammengehöriger Bücher,
die als Weisheitsliteratur bezeichnet werden und die nur von der Weisheit
handeln. Sie wird als Lehrerin aller Künste dargestellt, als Inhaberin
der Wissenschaften, als Beraterin der Menschen, als Helferin in ihren geistigen
Nöten. Sie gilt als eine so lebendige Macht im religiösen wie
im geistlichen Leben, daß sie sogar leibliche Gestalt annimmt und
als Person, als „Frau Weisheit" dargestellt wird. Aber sie ist eine überirdische
Person und ragt über alles Irdische hinaus in die himmlische Welt
hinein. Sie hat etwas Gottähnliches, ja, Gottgleiches an sich. So
wird sie „Tochter Gottes" genannt, die zwar von Gott geschaffen wurde,
aber
die dem Schöpfer schon zur Seite stand, als er die Welt erschuf und
gestaltete.
Nach dem
Alten Testament vermag die Weisheit vom Throne Gottes aus mit ihrer geistigen
Macht auch auf das irdische Leben einzuwirken. Sie steht an den Kreuzungspunkten,
den Weggabelungen des Lebens der Menschen und wirkt als Predigerin und
Mahnerin auf sie ein. In besonderer Weise hat sie ihr Zelt, ihre Wohnung
in Jerusalem aufgeschlagen, wo sie vor allem im Gesetz Jahwes gegenwärtig
wird und sich so den Menschen schenkt.
Weisheit - ein Gnadengeschenk
Gottes
Deshalb
heißt es in einem Worte aus dem Buch Hiob, das uns bereits viel vom
Wesen der Weisheit aufschließt: „Der Anfang aller Weisheit ist die Gottesfurcht"
(vgl. Hiob 28,28; Spr 1,7; 9,10). Aber es gibt im Alten Testament auch
mit der Weisheit besonders innig verbundene Menschen, die als Träger
der Weisheit dargestellt werden, wie der weise König Salomo, dem man
die Abfassung der Psalmen zuschrieb.
Mit dieser
hohen Auffassung von der göttlichen Weisheit verband sich auch der
Glaube, daß die Weisheit Gottes als Macht Gottes von ihm den Menschen
nur aus Gnade mitgeteilt wird, damit sie ganz im Sinne Gottes denken, handeln
und leben. Weisheit war ein Gnadengeschenk Gottes, das freilich die Beschenkten
in besonderer Weise zu einem Leben des Einsseins mit Gott und seinem Geist
verpflichtete.
Wer so vom
Alten Testament her über die Macht und Gnade der Weisheit belehrt
wird, der muß unwillkürlich an Maria denken, die als „Tochter
Zion" die höchste Frucht des Alten Israel war, in der sich die Geschichte
des alttestamentlichen Bundesvolkes vollendete und auch die Weisheit Israels
ihren Gipfelpunkt gewann. Von diesem Gipfel aus streckte sich Maria Christus
entgegen und gab ihm als Mutter Wohnung in ihrem gläubigen Herzen.
Wir können uns diese vorbehaltlose Hingabe Marias gar nicht recht
erklären, wenn wir annehmen würden, daß sie gänzlich
aus eigener Kraft gekommen und die Leistung eines gewöhnlichen Menschen
gewesen wäre.
Wir müssen
vielmehr annehmen, daß dies ein vom Licht des Heiligen Geistes und
der Gnade erfülltes Geschehen war, in dem die auf Maria niedergegangene
Weisheit Gottes sich offenbarte, die von da an aber immer auf Maria blieb,
so daß die Christen sie später mit Recht als den „Sitz der Weisheit"
rühmen konnten; denn zuletzt besteht die Weisheit im Wort Gottes,
das in Maria Mensch geworden ist.
Daß
Maria aber von der göttlichen Weisheit erfüllt war, zeigt sich
nicht nur in der Verkündigungsszene, es beweist sich im ganzen Leben
Mariens an der Seite Jesu Christi bis hin unter das Kreuz. Einen herausragenden
Beweis dieser Weisheit bietet Maria bei der ersten öffentlichen Offenbarung
Jesu Christi auf der Hochzeit zu Kana.
Sie allein
vermochte die Bedeutung dieser außergewöhnlichen Situation im
Leben Jesu zu verstehen und zu begreifen, daß es hier um die Offenbarung
seiner Gottheit vor dem Glauben der Jünger ging. Weil sie tiefer blickte,
vermochte sie auch die angebliche Abweisung Jesu ihrer Bitte „sie haben
keinen Wein mehr" zu verstehen und den Menschen ihre Überzeugung zu
vermitteln in dem Wort an die Diener: „Was
er euch sagt, das tut".
| Mit diesem Anspruch hat sie ein immer gültiges Wort der Weisheit vor uns aufgerichtet, das als bleibendes Programm für unser eigenes Sein und Leben in der Weisheit gelten darf; denn vollkommener können wir die Weisheit in unserem Leben nicht verwirklichen, als wenn wir das tun, was Christus sagt, der als der Sohn des Vaters die göttliche Weisheit selber ist. |
Weisheit - eine tätige,
praktische, aktive Tugend
Aber die
höchste Bekräftigung ihrer Weisheit leistet Maria unter dem Kreuz.
An ihrem Mitleiden und Mitopfern mit Christus wird erkennbar, daß
die Weisheit eine tätige, praktische, aktive Tugend ist, die sich
im Mitwirken mit Gott in Jesus Christus beweist und die auch und gerade
im Leid ihre Bewährung erfährt; denn das mit Christus ertragene
Leid macht den Menschen zu einem Mitarbeiter an der Erlösung und zu
einem Mitwisser um den höchsten Plan Gottes mit der Welt, nämlich
durch Leiden in die Vollendung zu gelangen. Maria wäre nicht unsere
Mittlerin und unsere Mutter, Mutter der Kirche, geworden, wenn sie nicht
wissen- und weisheitsvoll unter dem Kreuz ausgeharrt hätte. Seit ihrer
leiblichen Aufnahme in den Himmel aber hat sie ihren „Sitz der Weisheit"
wieder im Himmel neben dem Sohn aufgeschlagen, gleichsam an dem Ort, von
dem alle Weisheit ausgeht, vom Dreifaltigen Gott, dem Vater, dem Sohn und
dem Heiligen Geist. Von dorther kann sie uns so wie ihre Gnade, auch die
göttliche Weisheit in einem machtvollen Strom vermitteln und uns zukommen
lassen. Von ihrer himmlischen Höhe her, die sie zu einer alle Welt
überragenden Gestalt und Macht erhebt, vermag sie uns nicht nur unaufhörlich
Gnade und Weisheit zu spenden, sie vermag uns mit ihrer Vorbildkraft an
sich und an Jesus Christus heranzuziehen, so daß wir göttliche
Weisheit direkt und unmittelbar aufnehmen und an ihr Anteil gewinnen können.
Jeder wird
erkennen, wie wichtig das für uns ist in dieser Situation von Welt
und Kirche. Wenn wir diese Situation mit einem inneren Blick zu erfassen
suchen, der schon nicht ohne das Licht der Weisheit möglich ist, dann
werden wir feststellen: Die Menschen der modernen Welt sind, aufs Ganze
gesehen, mit ihrer Gier nach weltlicher Macht, nach irdischem und persönlichem
Erfolg, nach Lebenslust und Lebensqualität nicht glücklicher
geworden. Es fehlt dieser Jagd nach dem Leben und dieser Hast nach Mehr
und nach besserem Leben der innere Sinn, die geistige Mitte und die lebendige
Seele.
Im Alten
Testament wird auch die Torheit manchmal in menschlicher Gestalt dargestellt,
wie im Mittelalter die „Frau Welt", die den Menschen glänzende Versprechungen
macht, sie aber zuletzt nur enttäuscht und narrt. Die Welt wird heute
mehr von menschlicher Torheit als von göttlicher Weisheit beherrscht.
Sie hält sich mehr an die alte Eva als an die neue Eva, die von Maria
verkörpert wird. Aus dem Munde der Torheit gehen die großen
Wirrnisse hervor: Maria aber vermag uns als Inhaberin der göttlichen
Weisheit den Sinn und die Seele allen menschlichen Tuns zu erschließen.
Um dem heutigen Sog der Sinnlosigkeit des Lebens zu entgehen, müssen
wir gleichsam den Sinn Gottes und der Welt neu aufdecken, müssen die
Gedanken Gottes denken und seinen Plan mit der Menschheit und der Welt
neu zu entziffern suchen. Es bedarf heute einer gewaltigen Kurskorrektur
des menschlichen Daseins, einer neuen Weichenstellung, angefangen vom Terrorismus
im Großen bis hin zu moralischer Entfremdung des Einzelnen, damit
der Zug des Menschlichen nicht entgleist und an der Sinnlosigkeit auffährt.
Diese Kurskorrektur liegt in der Besinnung auf das Göttliche im Menschen,
auf den Adel der Menschenschöpfung, auf die Bestimmung zu einem göttlichen
Ziel, hinter dem das rein Irdische zurückstehen muß. Dies alles
ist aber in der Gestalt und im Leben Marias verwirklicht.
In einem
der Weisheitsbücher des Alten Testaments, von dem wir ausgingen, heißt
es an einer Stelle über die göttliche Weisheit: „In ihr ist der
Geist, sie ist gedankenreich, mannigfaltig und zart, beweglich, unbefleckt,
wohltätig, menschenfreundlich. In ihrer Reinheit durchdringt sie alles,
ein Ausfluß der Herrlichkeit des Allherrschers. Sie ist schöner
als die Sonne und strahlender als das Licht".
Die Kirche
hat in ihrer Liturgie diese Worte auf Maria übertragen, in ihr leuchtet
das Bild der Mutter der Weisheit auf, das uns am Tage der Verkündigung
mit seinem Glanz und seiner Schönheit wieder umstrahlt. Wir wollen
an diesem Tage dieses Bild in unser Leben einprägen, dann wird uns
eine himmlische Lebenskraft geschenkt werden, vor der alle irdischen Lebenskünste
und alle Angebote des Glücks wie Spreu und Stroh sind.
In Maria
besitzen wir das Angebot eines Lebens in der ewigen Weisheit. Dafür
sollen wir unendlich dankbar sein, es aber auch mit Herz und Sinn ergreifen.
(Quelle:
"Bote von Fatima" Nr. 3/2006, S. 34ff., Regensburg)